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  • AutorenbildJudith Büthe

Islamische Gemeinde Röhlinghausen

Herne, 2023

In der Mitte der 1970er Jahre mieteten Tuncay Naziks Eltern, Cuma und Güllü, die heutigen Räumlichkeiten der Islamischen Gemeinde in Herne an, die ursprünglich als Tante-Emma-Laden dienten und seither als Gebetsort genutzt werden. Im Gespräch mit verschiedenen Gemeindemitgliedern erfahre ich, wie sich dieser Ort im Laufe der Jahre zu einem vielfältigen sozialen und religiösen Ort der Begegnung entwickelt hat. Es geht um Fortschritt, gemeinschaftliches Zusammenleben und den Anspruch der Gemeinde aus Röhlinghausen, auch in herausfordernden Zeiten für Vielfalt, Engagement sowie religiösen und gesellschaftlichen Austausch einzustehen.


Rıdvan (8) und Zeynep (9), Mitglieder der Islamischen Gemeinde Röhlinghausen


Was macht eure Gemeinde aus, und worin unterscheidet sich eure Arbeit von anderen Moscheen?


Tuncay: Ich war ein Jahr alt, als meine Eltern nach Deutschland gekommen sind und die Gemeinde gegründet haben. 1976 wurde sie dann eröffnet. Wir sind seither eine unabhängige Gemeinde und arbeiten größtenteils ehrenamtlich, mit nur kleinen Ausnahmen. Die Menschen, die heute für uns ehrenamtlich aktiv sind, waren einmal selbst als Kinder und Jugendliche in dieser Gemeinde. Sie sind also der Nachwuchs der Ehrenamtler*innen, die entweder in der Zwischenzeit ausgeschieden sind oder nicht mehr aktiv unsere Jugendlichen betreuen. Wir haben als Gemeinde viele Facetten, Aufgaben und klare Leitlinien.


Wir setzen zudem auf gute Pressearbeit und sind entsprechend präsent – nutzen ebenfalls Social Media für uns und haben eine gute Reichweite. Die Gemeinde ist gut vernetzt, auch mit verschiedenen Religionsgemeinschaften und demokratischen Akteur*innen, der Kirchen und Synagogen. Wir bieten eine starke religiöse Unterweisung an, was konkret bedeutet, dass wir Kindern eine zeitgemäße Vermittlung des Islams mit auf den Weg geben. Dabei belassen wir es aber nicht.


Wir setzen auf gute Jugendarbeit mit unseren Jugendleiter*innen, die sich regelmäßig weiterbilden, u. a. zu den Themen Kinder- und Jugendschutz sowie Kindesmissbrauch, im Rahmen des Juleica-Programms (Jugendleiter*in-Card, bundesweit einheitlicher, amtlicher Ausweis für regelmäßige ehrenamtliche Tätigkeit in der Jugendarbeit). Diese Angebote werden hier gerne wahrgenommen. Es kommen zudem regelmäßig viele externe Expert*innen zu uns bzw. zu unseren Veranstaltungen, was bei größeren Vereinen manchmal auch zu Neid führt, Leute wie Aladin El-Mafaalani zum Beispiel.



Havle (19) und Tuncay Nazik (48), Islamische Gemeinde Röhlinghausen / Herne, NRW.


Havle: Vielleicht noch kurz als Ergänzung zur Aussage meines Vaters: Es kommt nicht aus dem Nichts, dass wir solch große Veranstaltungen mit entsprechenden Vertreter*innen veranstalten können. Wir sind auf allen möglichen Veranstaltungen selbst vertreten, zeigen regelmäßige Präsenz und haben als Gemeinde etwas zu sagen.


Unsere Gemeinde ist weder an einen Dachverband gebunden, noch beziehen wir irgendwelche Zahlungen aus dem Ausland. Darin liegt sicherlich grundlegend ein Unterschied zu vielen anderen. Es ist für eine Gemeinde wie unsere total schwer, wenn man eine offene Denkweise hat, aber dein Geldgeber da anders ist und dir Vorschriften macht, und dir eine Richtung vorgibt. Hast du finanzielle Unterstützer*innen, an die du gebunden bist und schließt dich entsprechend irgendwo an, musst du nun mal machen, was die Person letztlich will. Wir möchten und werden weiter unabhängig sein und anders arbeiten, das ist eine bewusste Entscheidung. Unsere Moschee wurde von meinen Großeltern gegründet, um den Menschen den Islam näherzubringen. Daraus hat sich dann irgendwann entwickelt, dass wir eine offene Moschee geworden sind. Da kommt kein Dachverband infrage, außerdem ist mein Vater darauf bedacht, diverse Veranstaltungen zu organisieren und sich nicht nur an Vorgaben anderer halten will. Wir finanzieren unsere Arbeit über die Mitgliederbeiträge und beantragen zusätzlich öffentliche Gelder für konkrete Projekte oder Veranstaltungsreihen – das ist wichtig und auch möglich. Es gibt hier viele Möglichkeiten, eine Förderungen für den Schwerpunkt Integration zu beantragen.





Welche Funktion hast du innerhalb der Gemeinde?


Tuncay: Ich bin wohl eines der längsten Gemeindemitglieder. (lacht) Ich bin derzeit Geschäftsführer als auch Vorstandsmitglied, Jugendleiter und Pressesprecher.


Havle: Ich bin als Jugendleiterin tätig und betreue unter anderem unsere Profile in den sozialen Medien, wie z.B. Instagram: Ich verfasse mit meinem Vater zusammen Berichte und lese allgemein Korrektur, bevor Texte herausgehen. Organisatorisch bin ich ebenfalls mit eingebunden, bei Veranstaltungen zum Beispiel, mache ich recht viel und vertrete die Gemeinde.



Havle, 19, ist zufrieden mit ihrem Leben. Die angehende Sozialarbeiterin wünscht sich einmal in einem öffentlichen Format wie Markus Lanz, mit all den 'weißen alten Männern' der Runde, mit diskutieren zu können.


Aus welchem Grund konkret seid ihr keinem Dachverband angeschlossen?


Tuncay: Es gibt mehrere Gründe hierfür. Ganz vorneweg ist Unabhängigkeit ein absoluter Segen. Wir entscheiden selbst, was wir machen möchten und mit welchen Vereinen oder Organisationen wir z.B. kooperieren wollen. Außerdem ist es so, dass die muslimische Position in Deutschland ein bisschen schwierig ist: Vor 15–20 Jahren war die DITIB noch ein Aushängeschild und wurde vorbildlich verstanden – man sollte sich an ihnen orientieren. Heute sehen wir, was daraus geworden ist. Bei irgendwelchen anderen Organisationen, die als Vereine dargestellt wurden, und hier herausragende Integrationsarbeit geleistet haben, stellt sich dann heraus: Ah… Die sind doch nicht ganz so demokratisch. Da kann man einiges falsch machen. Wir haben uns bewusst dazu entschieden, dass wir Dinge lieber in eigener Verantwortung richtig oder falsch machen – ohne dabei in eine Schublade gesteckt oder einer Gruppierung zugeordnet zu werden.



Welche Art von Veranstaltungen organisiert eure Gemeinde?


Tuncay: Als ein Beispiel hatten wir gerade Angehörige der Opfer der NSU-Morde aus Hanau hier in unserer Gemeinde in Herne. Das gab es nie zuvor. Uns ist es wichtig, eine Stimme zu haben, entsprechend versuchen wir so gut es geht mitzureden in der Gesellschaft – was Herne betrifft. Wir sehen es übergeordnet nicht als unser Ziel, als Gemeinde Röhlinghausen in der ganzen Welt mitzumischen; das ist nicht unser Ansatz. Wir wollen hier in Herne mitreden – als Teil eines großen Ganzen mitgestalten, auch zu heiklen und kritischen Themen mitsprechen: Antimuslimischer Rassismus, Antisemitismus, Nahost-Konflikt, die sogenannte Kopftuch-Debatte u.v.m. Wir scheuen uns nicht davor, das auszusprechen, was wir für wichtig erachten. Denn wenn wir uns als Teil der Gesellschaft verstehen (sollen), sind die allgemeinen Belange eben auch unsere Belange.




Wie alt sind die Gemeindemitglieder, die eure Räumlichkeiten aufsuchen und wie viele seid ihr?


Havle: Ich bin an den Wochenenden nur selten hier, aber ich meine, die jüngsten unter uns sind acht Jahre alt, die ältesten 24 Jahre. Das sind diejenigen, die den aktiven Part der Gemeinde hier ausmachen, also auch Teil der Jugendarbeit sind. Zum Beten kommen dann wirklich alle Altersgruppen zusammen – von ganz jung bis ganz alt ist da alles dabei. Festgemacht an den Mitgliedschaften, sind wir etwa 100 Mitglieder.



Wie wird eure Offenheit gegenüber diversen Themen wahrgenommen?

Erfährt diese Haltung Unterstützung innerhalb der Gemeinde?


Tuncay: Wir haben in der Vergangenheit auch Rückschläge erlebt und einiges einstecken müssen, aber inzwischen, würde ich sagen, haben wir ein gutes Fundament und das Vertrauen für uns und unsere Arbeit ist da. Mein Bruder beispielsweise ist ausgebildeter Theologe, der sowohl in der Türkei als auch in Deutschland einen Abschluss gemacht hat, so wie ich auch. Innerhalb der Gemeinde ist das Interesse groß, und die Jugendleiter*innen bilden sich stetig weiter. Bei all dem, was wir tun, erhalten wir positive Rückmeldungen – uns wird Vertrauen geschenkt und wir gehen entsprechend damit um – das entspricht der islamischen Norm.


Für kritische Fragen und Anmerkungen sind wir immer offen, auch bei unseren Gemeindemitgliedern. Wenn jemand ernsthaft Antworten sucht, gehen wir hier ins Gespräch und können ihm/ihr etwas mitgeben. Mit Blick auf religiöse Themen gibt es hier jedoch keine Reibungspunkte. Über aktuelle politische Themen reden wir innerhalb der Gemeinde, also unserer Räumlichkeiten, nicht – insbesondere, wenn es um ausländische Politik geht. Wir beschäftigen uns mit den Belangen dieser Gesellschaft, in der wir leben. Das ist Teil unserer Leitlinien und wird entsprechend von den Mitgliedern akzeptiert. Diese Leitlinien hängen hier auch noch einmal unübersehbar an der Wand, wenn man die Gemeinde betritt. Sobald wir die Gemeinde verlassen, kann jede*r für sich entscheiden, worüber er/sie sich austauschen möchte.​​



Werden Entscheidungen für die Auseinandersetzung mit Themen von der Gemeinde zumeist einheitlich getragen?


Tuncay: Ein Beispiel, das die Frage womöglich beantwortet: Wir waren zuletzt gemeinsam in Bergen-Belsen. Das war eine Veranstaltung ausschließlich für unsere Gemeinde. Wir waren mit 80 Leuten dort. Das zeigt, dass unsere Angebote an- und ernst genommen werden.


Da muss man dann auch unterscheiden, was nun der Nahost-Konflikt ist und was die Shoah war. Die Shoah war eine industrialisierte Tötung von Millionen von Menschen – darunter sechs Millionen Jüdinnen und Juden. Das kann ein Mensch nicht gutheißen; das kann kein Muslim gutheißen. Und weil wir hier in Deutschland leben, ist das eben auch unsere Geschichte geworden. Es ist nicht unsere Schuld, aber unsere Verantwortung, damit richtig umzugehen, und hierzu sensibilisieren wir die Gemeinde. Das darf dann nur nicht auf eine andere oder aktuelle politische Situation übertragen werden. Die Shoah war zutiefst unmenschlich, unchristlich und nicht muslimisch. Damit muss man sich in diesem Land auseinandersetzen.​



Berat, 23 Jahre alt und Mitglied der Islamischen Gemeinde Röhlinghausen, ist Jugendleiter. Für ihn bedeutet Glück Familie, Ruhe und Zeit zum Nachdenken.


Alânur, 19 Jahre, gehört der Gemeinde seit ihrem 5. Lebensjahr an. Glück bedeutet für sie Familie und Freunde. Ihr Wunsch ist anhaltende Gesundheit für ein uneingeschränktes Leben.


Akif, 24 Jahre, ist seit 2008 Teil der Gemeinde. Angefangen als Schüler, ist er heute Mitglied des Jugendvorstands und Jugendbetreuer. Glück bedeutet für ihn, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.


Tuncay, 48, Vorstandsmitglied der Gemeinde, steht für Empathie über Grenzen hinweg ein. Für ihn sind Verständnis, Toleranz und Gesundheit grundlegend für ein gelungenes Miteinander.




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